Ratgeber · Technik

Malen
mit Licht.

Lightpainting Fotografie von Grund auf — Technik, Einstellungen, Werkzeuge und kreative Ideen für Anfänger und Fortgeschrittene.

StartRatgeberLightpainting Fotografie

Von Michael Damböck · Fotograf & Fototrainer in Stuttgart seit 2007 · aktualisiert Juni 2026

Lightpainting ist vielleicht die spielerischste Disziplin in der Fotografie. Du öffnest den Verschluss, nimmst eine Taschenlampe — und in den nächsten 20 Sekunden entsteht etwas, das in dieser Form nicht existieren kann: Lichtspuren, die im Bild eingefroren werden, obwohl du dich die ganze Zeit bewegt hast. Kein Compositing, kein Photoshop. Alles in-camera.

Diesen Artikel habe ich nach Jahren des Lightpaintings geschrieben — von frühen Experimenten mit billigen LED-Taschenlampen bis zu geführten Lightpainting-Nächten in Stuttgart, wo ich Anfängern zeige, wie das in der Praxis funktioniert. Hier ist alles, was du wissen musst.

Was ist Lightpainting?

Lightpainting (auch „Light Painting" oder „Lichtmalerei") ist eine Langzeitbelichtungs-Technik: Bei offener Blende und mehreren Sekunden Belichtungszeit bewegst du Lichtquellen vor der Kamera oder beleuchtest ein Motiv von verschiedenen Seiten — das Ergebnis ist eine einzige Aufnahme, in der alle Lichtbewegungen als Spur sichtbar sind.

Das Prinzip: Der Sensor registriert alles Licht, das während der Belichtungszeit auf ihn fällt. Eine bewegte Taschenlampe hinterlässt eine Lichtspur. Ein ruhig stehendes Motiv wird als normales, scharfes Bild aufgezeichnet. Dein Körper, schwarz gekleidet und in Bewegung, ist für die Kamera unsichtbar — wenn er nie an der gleichen Stelle steht.

Grundprinzip Lightpainting: Alles, was sich bewegt, hinterlässt eine Spur. Alles, was stillsteht, wird scharf aufgezeichnet. Und wer sich schnell durch das Bild bewegt — ohne anzuhalten — ist für die Kamera unsichtbar.

Kameraeinstellungen für Lightpainting

Die gute Nachricht: Lightpainting funktioniert mit fast jeder Kamera, die eine Langzeitbelichtung ermöglicht. Das Einzige, was du wirklich brauchst, ist ein Stativ — ohne geht es nicht.

Modus
M
Manuell
ISO
100–200
niedrig halten
Blende
f/8–11
mittlere Werte
Verschluss
10–30s
oder Bulb

Warum diese Einstellungen?

  • ISO niedrig: Lightpainting braucht keine hohe Lichtempfindlichkeit — das Licht kommt von deiner Lampe, nicht von der Umgebung. Hohes ISO würde den Hintergrund aufhellen und Rauschen erzeugen.
  • Blende f/8–f/11: Gibt dir genug Schärfentiefe, damit das Motiv von vorne bis hinten scharf ist. Außerdem steuerst du damit, wie "hell" die Lichtspuren werden — bei f/4 wären sie überbelichtet.
  • Belichtungszeit: So lange wie du für dein Lightpainting brauchst. Einfache Muster: 10–15 Sekunden. Komplexe Bilder mit mehreren Elementen: 30–60 Sekunden oder Bulb (Verschluss bleibt auf, solange du den Auslöser hältst).
  • Weißabgleich manuell: Stelle ihn auf einen festen Wert (z.B. 5500K), damit sich das Bild nicht von Aufnahme zu Aufnahme verändert. "Auto" würde den Weißabgleich jedes Mal neu berechnen.
  • Autofokus aus (MF): Vor der ersten Aufnahme scharf stellen (z.B. auf eine Taschenlampe, die du ans Motiv hältst), dann auf MF wechseln. Sonst sucht die Kamera im Dunkeln — und findet nichts.

Fernauslöser nutzen: Drückst du direkt auf den Auslöser, wackelt die Kamera beim Start. Besser: Kabelauslöser, Fernbedienung oder 2-Sekunden-Selbstauslöser. Bei Bulb-Modus brauchst du sowieso einen Fernauslöser, um den Verschluss offenzuhalten.

Schritt für Schritt zum ersten Lightpainting

  1. 1

    Location & Dunkelheit

    Geh an einen Ort, der wirklich dunkel ist — oder warte, bis es dunkel genug ist (mindestens 1 Stunde nach Sonnenuntergang). Straßenlaternen in Hintergrundentfernung sind ok, direkt im Bild stören sie.

  2. 2

    Kamera aufstellen & fokussieren

    Stativ stabil aufstellen. Halte eine leuchtende Taschenlampe ans Hauptmotiv, stell per Autofokus scharf — dann auf Manuell wechseln. Testbild mit hohem ISO machen, um die Bildkomposition zu prüfen.

  3. 3

    Einstellungen setzen

    Manueller Modus: ISO 100, Blende f/8, Belichtungszeit 15–20 Sekunden. Fernauslöser anschließen oder 2-Sekunden-Selbstauslöser aktivieren. Weißabgleich auf fixen Wert (5500K).

  4. 4

    Licht aus, Auslösen, malen

    Alle Lichtquellen außer deiner Lampe aus. Auslösen. Du hast jetzt die eingestellte Zeit, um Lichtspuren zu zeichnen. Taschenlampe immer zur Kamera hin zeigen, nicht vom Sensor weg — nur das Licht, das in die Kamera scheint, wird aufgezeichnet.

  5. 5

    Ergebnis prüfen & anpassen

    Bild auf dem Display beurteilen. Lichtspuren zu schwach → längere Belichtung oder hellere Lampe oder offenere Blende. Zu hell → Blende schließen oder ISO senken. Nach wenigen Versuchen hast du ein Gefühl für die Balance.

Werkzeuge & Lichtquellen

Die Taschenlampe ist das wichtigste Werkzeug. Aber es gibt ein ganzes Universum an Möglichkeiten:

Einsteiger
Fokussierbare LED-Taschenlampe

Anpassbar von Spot bis Flood. Erzeugt präzise Linien oder weiche Flächen. Ab 15–20 € erhältlich. Am vielseitigsten für den Einstieg.

Einsteiger
Wunderkerzen

Goldgelbes Funkenfeuer, sehr organische Spuren. Brennen ca. 1 Minute. Günstig, aber Einmalanwendung. Nur im Freien oder in gut belüfteten Räumen.

Fortgeschrittene
LED-Stab / PixelStick

Programmierbare LED-Leiste. Kann Grafiken, Texte oder Farbverläufe in den Raum "stempeln". Perfekt für Logo-Lightpainting und kreative Effekte.

Fortgeschrittene
Lichtfasern (Fiber Optic)

Dünne, leuchtende Fäden — sehr organische, fast magische Spuren. Kann man sich selbst bauen (LED + Glasfaserbündel) oder fertig kaufen.

Fortgeschrittene
EL-Wire (Electroluminescent Wire)

Dünner, gleichmäßig leuchtender Draht in vielen Farben. Erzeugt sehr saubere, kontinuierliche Linien. Gut für geometrische Formen und Konturen.

Fortgeschrittene
Farbfilter für Taschenlampe

Günstigster Weg zu farbigen Lichtspuren. Einfach transparente Farbfolien vor die Linse. Theatergel-Folie ist günstig und in vielen Farben erhältlich.

Kreative Ideen für Lightpainting

Geometrische Formen

Kreise, Spiralen, Sterne — klassisch und gut für Anfänger. Eine Glasfaser um eine Person herum kreisen lässt eine leuchtende Halo entstehen.

Schrift & Wörter

Text spiegelverkehrt in die Luft schreiben (die Kamera dreht's wieder um). Braucht Übung, macht aber großen Eindruck. Auf Einkaufsbon vorher skizzieren.

Motiv beleuchten

Gebäude, Bäume, Objekte mit gezieltem Licht formen — "Painting with Light" im wörtlichen Sinne. Ergibt dramatische Kontraste, die Tageslicht nicht erzeugt.

Person in der Mitte

Jemand steht still, du malst Licht um die Person herum. Wer sich bewegt (das Motiv) wird scharf, wer sich schnell bewegt (du), verschwindet.

Orbs (Lichtkugeln)

Eine Taschenlampe auf langen Tisch legen und ein leeres Brot-Netz mit LED-Glühbirne darin kreisen — perfekte Lichtkugel in Sekunden.

Multiple Belichtung

Dasselbe Bild mehrfach belichten (Kamera-internes Feature), jedes Mal mit anderen Lichtfarben. Ohne Photoshop, direkt in der Kamera.

Häufige Fehler und wie du sie vermeidest

  • Lichtspuren zu schwach: Die Lampe schaut nicht direkt in die Kamera. Immer zur Linse hin beleuchten. Oder Blende öffnen / ISO erhöhen.
  • Bild vollständig schwarz: ISO zu niedrig oder Blende zu klein. Mit f/4 und ISO 400 anfangen, dann runterarbeiten.
  • Scharfstellen klappt nicht im Dunkeln: Vorher mit Licht scharf stellen, dann MF. Oder Live-View nutzen und manuell per Lupe fokussieren.
  • Man sieht sich selbst im Bild: Zu langsam bewegt, an einer Stelle zu lang stehen geblieben oder zu helle Kleidung getragen. Schwarz oder dunkle Kleidung, zügig bewegen.
  • Kamera wackelt: Stativ nicht sicher fixiert, oder beim Drücken des Auslösers nicht abgewartet. Fernauslöser oder Selbstauslöser verwenden.
  • Lichtspur endet abrupt: Lampe zu früh in die falsche Richtung gedreht oder abgeschirmt. Am Ende der Bewegung Lampe weit ausführen oder sanft abblenden.

Tipp für Anfänger: Nicht entmutigen lassen — die ersten 10 Aufnahmen werden meistens nicht so, wie du dir vorstellst. Lightpainting ist eine motorische Fertigkeit, die Übung braucht. Nach einer Stunde erkennst du deutlich den Fortschritt.

Lightpainting in Stuttgart

Stuttgart bietet für Lightpainting sehr gute Bedingungen: Der Kessel schirmt viel Streulicht ab, es gibt viele Spots mit natürlichem Hintergrund — Weinberge, historische Mauern, Ruinen und Industriearchitektur — und auch mitten in der Stadt findet man abgelegene, dunkle Ecken.

Besonders geeignet für Lightpainting in Stuttgart:

  • Weinberge in Uhlbach und Rotenberg: Weitgehend frei von Straßenlicht, schöner Hintergrund, Ruhe nach Einbruch der Dunkelheit.
  • Burgruinen und Parkanlagen: Historische Strukturen als Motiv, das per Taschenlampe "gemalt" wird.
  • Stuttgarter Hafen: Industrielle Atmosphäre, Kräne und Rohre als Kulisse. Abends nach Betriebsschluss sehr ruhig.
  • Wälder am Stadtrand: Bäume als natürliches Motiv, kaum Streulicht.

Lightpainting gemeinsam erleben

Alleine ausprobieren ist gut — aber Lightpainting mit Anleitung, Material und sofortigem Feedback ist eine ganz andere Erfahrung. In der Lightpainting-Fototour Stuttgart zeige ich dir die Technik live, stelle Werkzeuge zur Verfügung und gebe dir sofortiges Feedback zu deinen Ergebnissen. In kleiner Gruppe (max. 6 Personen), draußen in Stuttgart.

Häufige Fragen

Was sind die richtigen Kameraeinstellungen für Lightpainting?

Manueller Modus, ISO 100–200, Blende f/8–f/11, Belichtungszeit 10–30 Sekunden (oder Bulb), Fernauslöser, Stativ. Autofokus vorher scharf stellen, dann auf MF wechseln. Weißabgleich manuell auf einen festen Wert setzen.

Welche Taschenlampe für Lightpainting?

Zum Einstieg: eine fokussierbare LED-Taschenlampe mit einstellbarer Helligkeit. Ab ca. 15–20 €. Wichtig: stufenlos dimmbar oder mindestens zwei Helligkeitsstufen. Für farbige Spuren: transparente Farbfolie vorhalten (Theatergel).

Brauche ich ein teures Stativ?

Nein. Ein stabiles, günstiges Stativ (ab 50–80 €) reicht. Das Wichtigste ist Kippsicherheit — bei Wind ein Gewicht daran hängen. Hauptsache, die Kamera wackelt bei einer 20-Sekunden-Belichtung nicht.

Kann man Lightpainting mit dem Handy machen?

Ja, mit Einschränkungen. Du brauchst eine App, die manuelle Belichtungszeit erlaubt (z.B. Lightroom Mobile, ProCamera oder für Android Camera FV-5). Ein Stativ ist Pflicht. Die Bildqualität ist bei Darkness geringer als bei einer Systemkamera oder DSLR — aber für erste Experimente reicht es.

Michael Damböck — Fotograf & Speaker, Fujikina Stuttgart 2025

Über den Autor

Michael Damböck

Fotograf & Fototrainer · Stuttgart seit 2007

  • Hauptberuflicher Fotograf seit 2007
  • Über 2.000 zufriedene Kursteilnehmer
  • Speaker · Fujikina Stuttgart 2025
  • Entwickler: BorderTool Pro & BatchMark Pro

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